Mein erstes vollständiges Gespräch mit einem Fremden in Brasilien fand in einem Aufzug statt. Ein Mann mit zusammengeklapptem Regenschirm stieg ein, sah mich an und sagte: Que calor, hein? – „Ganz schön heiß, was?“ Ich stimmte zu. Er meinte, später würde es regnen. Auch da stimmte ich zu. Im achten Stock hatten wir die Hitze, die Vorhersage und seinen Regenschirm abgehandelt, und ich stieg mit dem kurzen Gefühl aus, fließend Portugiesisch zu sprechen.
Übers Wetter kommt man in Brasilien am leichtesten ins Gespräch, und gerade jetzt passt das Thema besonders gut. Der Frühling hat in Brasilien offiziell am 22. September um 21:05 Uhr Brasília-Zeit begonnen, so das nationale Wetterinstitut INMET. In Porto Alegre kann das Gewitter und plötzliche Hitze bedeuten. In Recife merkt man den Wechsel womöglich gar nicht.
Deshalb geht es hier um das Wetter auf brasilianischem Portugiesisch, so wie man es im Alltag sagt: Hitze, Regen, die Kaltfront, auf die alle warten, und genug Antworten für acht Stockwerke.
Gibt es in Brasilien überhaupt Frühling?
Laut Kalender schon. Der größte Teil Brasiliens liegt auf der Südhalbkugel, die Jahreszeiten laufen also umgekehrt wie in Deutschland, Österreich und der Schweiz:
| Jahreszeit | Portugiesisch | Ungefähr | Worüber man meistens redet |
|---|---|---|---|
| Frühling | a primavera | Ende September bis Ende Dezember | Zunehmende Hitze, Gewitter im Süden und Südosten |
| Sommer | o verão | Ende Dezember bis März | Hitze, Strand, heftige Schauer am Nachmittag |
| Herbst | o outono | März bis Juni | Mildere Tage; die Jahreszeit, über die am wenigsten gesprochen wird |
| Winter | o inverno | Juni bis September | Kälte im Süden, sehr trockene Luft im Mittelwesten |
Primavera ist weiblich, die anderen drei sind männlich. Es heißt also na primavera, aber no verão, no outono und no inverno. Primavera spricht man ungefähr pri-ma-WÄ-ra aus, mit offenem e; das v klingt wie ein deutsches w. Verão endet auf einen nasalen Diphthong, etwa we-RAUN, wobei das n nur als Nasalklang mitschwingt.
Die Tabelle ist die Lehrbuchfassung. In einem so großen Land bedeuten diese vier Namen sehr Unterschiedliches. Im Süden gibt es Frost und richtige Wintermäntel. Im Rest Brasiliens denkt man meist weniger an vier Jahreszeiten als an zwei: die Regenmonate und die trockenen.
Die größte Überraschung kommt aus dem Nordosten. In Ceará nennt man die Regenzeit traditionell inverno, obwohl die wichtigste Regenperiode von Februar bis Mai dauert, also im astronomischen Sommer und Herbst. Das Diário do Nordeste erklärt das Durcheinander für die eigenen Leser. Wenn ein Bauer im Sertão auf um bom inverno hofft, wünscht er sich Regen, keine Kälte. In Belém und Manaus bezeichnet inverno amazônico ebenfalls die regenreichsten Monate, ungefähr Dezember bis Mai.
Noch eine Wendung für einen Frühlingsartikel: primavera ist in Brasilien auch ein verbreiteter Name für die Bougainvillea, die magentafarbene Kletterpflanze mit den papierartigen Blüten, die über Gartenmauern quillt. Aus dem Zusammenhang wird klar, ob jemand die Jahreszeit bewundert oder eine Pflanze.
Heiß und kalt auf brasilianischem Portugiesisch: calor, quente, frio und gelado
Wie sagt man „heiß“ auf Portugiesisch? Das hängt davon ab, was heiß ist.
Beim Wetter sagen Brasilianer Faz calor, Está calor oder Está quente – alles „Es ist heiß“. Für den eigenen Körper sagt man Estou com calor, wörtlich „Ich bin mit Hitze“. Bei Dingen übernimmt quente: O café está quente – „Der Kaffee ist heiß.“
Die Regel dahinter ist einfach. Calor ist ein Substantiv, „Hitze“ oder „Wärme“. Quente ist ein Adjektiv, „heiß“ oder „warm“. Deshalb kann man Faz muito calor oder Está muito quente sagen, aber nicht Faz quente. Unser Vergleich von calor und quente hat weitere Beispiele, falls die beiden noch verschwimmen.
Die typische Falle kennen Deutschsprachige aus der eigenen Sprache. „Mir ist heiß“ und „Ich bin heiß“ bedeuten nicht dasselbe, und im Portugiesischen verläuft eine ähnliche Grenze. Estou quente versteht man wahrscheinlich, aber der Satz beschreibt eher deine Körpertemperatur, also das, was jemand mit dem Handrücken an deiner Stirn prüft. Gemeint ist Estou com calor, das portugiesische „Mir ist heiß“. Nach demselben Muster sagt man Estou com frio – „Mir ist kalt.“
Kälte hat ihr eigenes Paar. Frio ist das allgemeine Wort: Hoje está frio – „Heute ist es kalt.“ Gelado heißt eiskalt oder gekühlt, und bei Getränken ist das eine gute Nachricht: uma água bem gelada ist genau das Richtige nach einem Spaziergang in der Sonne. Ein café frio dagegen ist eine Beschwerde. Brasilianer übertreiben außerdem gern mit gelo, „Eis“: Está um gelo aqui dentro! – „Hier drin ist es eiskalt!“ – ist eine normale Reaktion auf die Klimaanlage im Büro.
Ein paar Hinweise zur Aussprache. Quente klingt ungefähr wie KEN-tschi: Das en ist nasal, und in den meisten Regionen Brasiliens klingt ein te am Wortende wie „tschi“. Calor ist ka-LOR, mit einem r am Ende, das je nach Region weich oder gehaucht klingt. In gelado, sche-LA-du, ist das g stimmhaft wie in „Garage“ oder „Genie“.
Wörter für Regen: garoa, pé-d'água und chover canivete
Frühlingsregen kommt im Süden und Südosten oft ziemlich plötzlich, deshalb hilft eine Skala. Vom leichtesten zum heftigsten:
- chuvisco – ein paar Tropfen; der Regen, der sich nicht entscheiden kann
- garoa – Nieselregen; São Paulos alter Spitzname ist terra da garoa, „Land des Nieselregens“
- pancada de chuva – ein kurzer, kräftiger Schauer; Wettervorhersagen lieben pancadas de chuva à tarde
- temporal – ein richtiges Unwetter, mit Wind und allem
- pé-d'água – ein plötzlicher Wolkenbruch: Caiu um pé-d'água!
- toró – ein umgangssprachliches Wort für einen Platzregen: Que toró!
- Está chovendo canivete – „Es regnet Taschenmesser“, Brasiliens Gegenstück zu „Es schüttet wie aus Eimern“
Der letzte Ausdruck hat einen nützlichen Verwandten. Nem que chova canivete heißt „komme, was wolle“: Eu vou ao show nem que chova canivete – „Ich gehe zum Konzert, und wenn es Taschenmesser regnet.“ Auch garoa hat ein Verb, an grauen Morgen hörst du also Está garoando.
Achte auf die Verben, mit denen Brasilianer einen Wetterumschwung beschreiben, denn sie sind nicht die naheliegenden. O tempo fechou – wörtlich „das Wetter hat zugemacht“ – heißt, dass es sich zugezogen hat und Regen kommt. O tempo abriu bedeutet, dass es aufgeklart hat. Vai esfriar heißt „Es wird kälter“, und Esquentou heißt „Es ist wärmer geworden“.
Im Süden und Südosten taucht die frente fria, die „Kaltfront“, im Alltagsgespräch genauso oft auf wie im Wetterbericht. Vem uma frente fria aí – „Da kommt eine Kaltfront“ – kann eine Warnung sein oder ein Versprechen auf Abkühlung, je nachdem, was für eine Woche hinter dir liegt. Im Frühling bringt eine Kaltfront oft auch die Gewitter mit. Die INMET-Prognose für diesen Frühling sagt für große Teile des Südens überdurchschnittlich viel Regen voraus.
In Falando ausprobieren: Der A2-Grammatikpunkt zu Wetterausdrücken übt está chovendo, faz calor und estou com calor. Die Übungen dazu öffnen sich, sobald du angemeldet bist.
Schwül, drückend, eiskalt: wie sich die Luft anfühlt
Die Temperatur ist nur die halbe Unterhaltung. Für das Gefühl der Luft haben Brasilianer gute Wörter.
Abafado, a-ba-FA-du, entspricht dem deutschen „schwül“ oder „stickig“: die schwere, stehende Luft vor einem Gewitter oder ein Zimmer mit geschlossenen Fenstern. Está abafado hoje hörst du im späten Frühling ständig.
Mormaço lässt sich schwerer übersetzen. Gemeint ist die heiße, diesige Wärme eines bedeckten Tages, wenn die Sonne versteckt ist und man sie trotzdem spürt. Brasilianer warnen, dass man auch no mormaço einen Sonnenbrand bekommen kann. Pack die Sonnencreme also nicht weg, nur weil der Himmel weiß ist.
Dann kommen die Übertreibungen. Está um forno – „Es ist ein Backofen.“ Um sol de rachar ist eine sengende Sonne, stark genug, um Dinge springen zu lassen. Está um calor danado heißt ungefähr „Es ist wahnsinnig heiß“. Am anderen Ende macht die Verkleinerungsform aus Kälte etwas Gemütliches: Está um friozinho gostoso heißt „Es ist angenehm frisch“. Unser Artikel über Diminutive und Augmentative erklärt, warum dieses -inho so liebevoll klingt, ähnlich wie ein deutsches -chen.
Außerdem begegnet dir der casaquinho, das Jäckchen. In Brasilien ist es ein Running Gag, dass Mütter und Großmütter allen raten, eins mitzunehmen – Leva um casaquinho! –, und zwar an Abenden, die jemand aus einem kälteren Land warm nennen würde. Wer mit „Zieh dir was über!“ aufgewachsen ist, kennt das Prinzip. Nimm trotzdem eins mit. Es kostet dich nichts und macht jemandem eine Freude.
Auch regionale Unterschiede prägen den Small Talk. Recife und Porto Alegre liegen fast 3.000 Kilometer auseinander. In Recife bewegt sich das Thermometer das ganze Jahr kaum, das Wettergespräch dreht sich also vor allem um Regen: ob er ausbleibt, ob die Straße unter Wasser steht. In Porto Alegre sind die Winter so kalt, dass der eisige Wind aus Südwesten einen eigenen Namen hat, den minuano. Curitiba hat den Ruf, vier Jahreszeiten in einen einzigen Tag zu packen. In Brasília ist der Frühling die Zeit, in der man nach monatelang trockener Luft auf den ersten richtigen Regen wartet. Wenn er endlich kommt, schafft er es in die Lokalnachrichten.
Kurz noch zu zwei Wörtern, die nach Wetter aussehen. Tempo heißt sowohl „Zeit“ als auch „Wetter“: Como está o tempo aí? – „Wie ist das Wetter bei euch?“ Mit dem deutschen „Tempo“ im Sinne von Geschwindigkeit hat es wenig zu tun. Clima bedeutet Klima, viele verwenden es im Alltag aber auch für das Wetter. Außerdem beschreibt es die Stimmung zwischen Menschen: O clima ficou estranho – „Die Stimmung wurde komisch.“
Small Talk übers Wetter, der weiterführt
Zurück in den Aufzug. Übers Wetter zu reden, kennst du von zu Hause; auf Portugiesisch könnte ein kurzer Wortwechsel so klingen:
— Que calor, hein? – „Ganz schön heiß, was?“
— Nem me fala! E dizem que vai chover à tarde. – „Hör bloß auf! Und angeblich soll es am Nachmittag regnen.“
— Tomara. Esse tempo está maluco: ontem fez frio, hoje está um forno. – „Hoffentlich. Dieses Wetter spinnt: Gestern war es kalt, heute ist es ein Backofen.“
Nem me fala ist die universelle mitfühlende Antwort. Tomara, „hoffentlich“, passt, egal ob du dir Regen wünschst oder ihn fürchtest. Und ein né? am Ende fast jedes Wettersatzes, etwa Está quente, né?, lädt dein Gegenüber ein, zuzustimmen und weiterzureden. In Norddeutschland klingt das wie „Heiß heute, ne?“.
Was sagst du, wenn die andere Person anfängt? Meistens stimmst du zu und fügst ein Detail hinzu. Small Talk übers Wetter muss nicht informativ sein. Er zeigt, dass du freundlich und gesprächsbereit bist. Wenn du nach der Vorhersage einen nächsten Schritt brauchst, zeigt unser Leitfaden zum brasilianischen Small Talk, wohin das Gespräch gehen kann.
In Falando ausprobieren: Beginne in Bate-papo einen Chat mit Que calor, hein? und schau, wie lange du ihn am Laufen hältst. Reagiere auf die Antwort, bevor du etwas Neues fragst.
Häufige Fragen zum Wetter auf brasilianischem Portugiesisch
Wie sagt man „Mir ist heiß“ auf Portugiesisch?
Estou com calor. Für das Wetter sagt man Está calor, Faz calor oder Está quente. Für Gegenstände, Essen und Getränke nimmt man quente: A sopa está quente.
Wann beginnt der Frühling in Brasilien?
2026 begann der Frühling am 22. September um 21:05 Uhr Brasília-Zeit, und er endet am 21. Dezember mit dem Sommeranfang. Brasilien folgt den Jahreszeiten der Südhalbkugel, sein Frühling fällt also in den europäischen Herbst.
Was bedeutet „garoa“?
Garoa ist ein leichter, feiner Nieselregen. Das Verb heißt garoar: Está garoando. São Paulo verbindet man so sehr damit, dass der alte Spitzname der Stadt terra da garoa lautet.
Warum heißt die Regenzeit im Nordosten „inverno“?
In weiten Teilen des Nordostens ist inverno der traditionelle Alltagsname für die Regenmonate, die für das tägliche Leben und die Landwirtschaft viel wichtiger sind als die Temperatur. In Ceará dauert die wichtigste Regenperiode von Februar bis Mai, obwohl der astronomische Winter in die Monate Juni bis September fällt.
Fang mit dem Satz an, den du morgen brauchst
Du brauchst diese Woche nicht jedes Wort von oben. Lerne Que calor, hein?, Estou com calor und Será que vai chover? – „Ob es wohl regnet?“ –, dann kannst du bei den meisten Wettergesprächen in Brasilien mitreden. Nimm abafado dazu, wenn die Luft schwer wird, und frente fria, wenn Abkühlung naht.
Und dann benutze sie. Der Frühling hat gerade erst begonnen, die nächsten Monate bringen also Hitze, Gewitter und reichlich Gelegenheit, sich über beides zu beklagen. Übe einen kurzen Wortwechsel in Falandos Bate-papo und achte darauf, welche Wettersätze in deinen Serien und Texten vorkommen. Und wenn ein Fremder im Aufzug Que calor, hein? sagt, hast du jetzt Stoff für mindestens acht Stockwerke.


