Kurze Zusammenfassung
Bildung: 3. Person Plural im Pretérito minus -ram, plus -ra, -ras, -ra, -´ramos, -ram — falaram → falara.
Bedeutung: genau das Plusquamperfekt, das du längst benutzt — falara ≡ tinha falado (er hatte gesprochen). Neu ist allein die Bauweise: ein Wort statt hatte + Partizip.
Nur zum Erkennen. Im gesprochenen Brasilien ist die Form tot; im Gespräch klingt sie theatralisch.
Die nós-Form trägt immer einen Akzent: faláramos, comêramos, fôramos — er markiert die Betonung, nicht den Vokalklang.
Falle: Die 3. Person Plural ist mit dem einfachen Pretérito identisch — falaram heißt „sie sprachen“ und „sie hatten gesprochen“. Im Deutschen können diese beiden nie zusammenfallen.
Falle: fora ist das Plusquamperfekt von ser und von ir — und zugleich das Alltagswort für „draußen“.
Gesprochen überlebt die Form nur in erstarrten Wendungen: quem me dera, tomara (que), pudera!
Warum ist das wichtig?
Schlag einen brasilianischen Roman auf, einen Leitartikel oder ein Urteil, und diese Zeitform wartet dort auf dich — fast immer an der Stelle, an der der Text einen Schritt zurücktritt und erzählt, was vorher schon geschehen war. Übersiehst du sie, verlierst du die Chronologie des Absatzes: Die Rückblende liest sich als Haupthandlung, oder fora geht als „draußen“ durch und der Satz fällt auseinander. Ein deutscher Reflex macht es schwerer, als es sein müsste: Dein Auge sucht die Vorzeitigkeit bei einem eigenen Wort — hatte, war —, und genau das liefert Portugiesisch hier nicht. Weil die Umrechnung in tinha falado völlig mechanisch ist, kaufen dir dreißig Minuten mit diesen Formen Register, in denen du sonst jahrelang stolpern würdest.
Vertiefung
1. Deine Zeitform, nur ohne Hilfsverb
Fang mit dem geschenkten Teil an, denn er ist die halbe Miete. Was falara bedeutet, weißt du schon: er hatte gesprochen. Das ist dein Plusquamperfekt, und du benutzt es täglich, auch im Gespräch — Als ich ankam, war der Zug schon abgefahren. An der Bedeutung gibt es für dich nichts zu lernen.
Neu ist die Bauweise. Deutsch braucht für die Vorzeitigkeit immer zwei Teile, ein Hilfsverb plus Partizip: hatte gesprochen, war gekommen. Portugiesisch packt hier alles in ein einziges Wort. Es gibt im Deutschen keine Verbform, die „hatte gesprochen“ allein sagt, also hat dein Auge nie gelernt, eine Zeitstufe an einer Endung abzulesen — es sucht nach dem Hilfsverb. Genau dieses Umlernen ist der Punkt.
Und dann gibt es noch die Stilebene, die etwas ganz anderes ist als die Bedeutung. Dafür ist die nächste Parallele die richtige: das Präteritum. In weiten Teilen des Südens ist es aus der gesprochenen Sprache praktisch verschwunden — niemand sagt am Tisch ich sprach, alle sagen ich hab gesprochen —, und geschrieben erzählt es ganze Romane. Dazu kommen Formen, die dir nur gedruckt begegnen: das ward alter Texte, das er habe gesagt der Zeitungen. Genau diesen Platz hat das einfache Plusquamperfekt in Brasilien. Sag eu já falara com ele in São Paulo laut, und du erntest ein Lächeln, weil es klingt wie ein Schauspieler, der ein Stück aus dem 19. Jahrhundert deklamiert.
Halte die beiden Stockwerke auseinander: die Stilebene vom Präteritum, die Bedeutung vom Plusquamperfekt. Alles Folgende ist fürs Auge gebaut, denn du lernst diese Form, um sie zu erkennen, nicht um sie zu produzieren: entdecken, in tinha falado umrechnen, weiterlesen.
2. Eine mechanische Regel baut alle Formen
Beispiele
Beispiele im Kontext
| Portugiesisch | Bedeutung |
|---|---|
| Ela guardara a carta por trinta anos. | Sie hatte den Brief dreißig Jahre lang aufbewahrt. |
| O trem já partira quando ele chegou à estação. | Der Zug war schon abgefahren, als er am Bahnhof ankam. |
| Ninguém percebera o erro no relatório. | Niemand hatte den Fehler im Bericht bemerkt. |
| O ministro afirmara o contrário dois dias antes. | Der Minister hatte zwei Tage zuvor das Gegenteil behauptet. |
| Fizera-se silêncio na sala. | Im Saal war es still geworden. |
| Nós lhe déramos a última chance. | Wir hatten ihm die letzte Chance gegeben. |
| Ele nunca estivera tão perto do fim. | Er war dem Ende noch nie so nah gewesen. |
| A cidade mudara muito desde a última visita. | Die Stadt hatte sich seit dem letzten Besuch stark verändert. |
Häufige Ausnahmen
Häufige Stolperfallen
Falara als Futur lesen. Ein Akzent macht den ganzen Unterschied: falara (er hatte gesprochen) gegen falará (er wird sprechen). Dir fehlt hier jede Stütze, weil du Zukunft an einem eigenen Wort erkennst (wird sprechen) und nie an einer Endung. In einer Erzählung in der Vergangenheit setze auf das Plusquamperfekt — und prüfe den Akzent, bevor du dich entscheidest.
Jede 3. Person Plural zum Plusquamperfekt machen. Eles chegaram antes (Sie kamen früher an) ist fast immer das schlichte Pretérito. Lies es nur dann als „waren angekommen“, wenn der Satz einen Moment vor einem anderen vergangenen Moment braucht, wie in Quando entramos, eles já chegaram (Als wir hereinkamen, waren sie schon da).
Fora für „draußen“ halten. Ele fora à praia (Er war an den Strand gefahren) ist ein Verb, kein verirrtes Adverb. Dasselbe gilt für vira: Ele nunca vira aquilo (Er hatte das nie gesehen), aber Ele vira à esquerda (Er biegt links ab).
Die Fossilien für eine lebendige Zeitform halten. Tomara que dê certo (Hoffentlich klappt es) verlangt den Subjuntivo im Präsens und zielt in die Zukunft, nicht in die Vergangenheit — und quem me dera (wenn ich doch nur) und pudera! (kein Wunder!) sind genauso erstarrt.
Sie im Gespräch produzieren. Grammatisch tadellos, sozial theatralisch: Ein Brasilianer, der eu já falara (ich hatte schon gesprochen) hört, denkt an eine Bühne, nicht an eine Vergangenheit. Sag eu já tinha falado.
Beide Systeme in einem Text mischen. Wenn du wirklich förmlich genug schreibst, um falara (er hatte gesprochen) zu verwenden, dann halte es durch die ganze Passage durch; zeilenweise zwischen falara und tinha falado zu rutschen, liest sich als unsichere Hand, nicht als Stil.
Wissenswertes
falara kommt fast unverändert aus dem Lateinischen
Das einfache Plusquamperfekt ist der direkte Erbe des lateinischen Indikativ-Plusquamperfekts: amaveram → amara, debueramus → devêramos, partiverant → partiram. Das Portugiesische hat die ererbte Form nahezu unversehrt bewahrt — für Grammatiker eines der deutlichsten Zeichen dafür, wie konservativ das portugiesische Verb ist, näher an seiner lateinischen Gestalt als der Großteil der romanischen Familie.
Das Spanische behielt dieselbe Form, gab ihr aber eine andere Aufgabe
Das Spanische erbte genau dieselbe Form — amara —, doch schon im frühen 15. Jahrhundert wanderte sie zum Imperfekt des Subjunktivs ab. Deshalb liest ein heutiger Spanischsprecher amara als Entsprechung von amase. Das Portugiesische hat diesen Wechsel nie vollzogen, falara bedeutet also weiterhin tinha falado. Wer bereits Spanisch spricht, trifft hier auf eine der seltenen Stellen, an denen die gemeinsame Form eine Falle ist und keine Abkürzung.
Quelle: «Sobre a história do mais-que-perfeito simples do indicativo» — Ciberdúvidas da Língua Portuguesa.
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